Gliederung einer empirischen Arbeit


Titel
Inhaltsverzeichnis
ggf. Tabellenverzeichnis, Abbildungsverzeichnis: Diese Verzeichnisse nur bei Bedarf generieren; nicht mit Dezimalgliederung versehen. Werden manchmal ans Ende der Arbeit plaziert.

1. Einleitung

Verortung des Themas in der eigenen Disziplin.
Gibt an, wie man zu dem Thema gefunden hat oder welcher aktuelle Anlaß zur Untersuchung besteht.
Arbeitet die Relevanz des Themas heraus.
Bezeichnet den Gegenstand so präzise, wie es ohne die ausführliche Schilderung des begrifflichen Instrumentariums in Kapitel 2 möglich ist. (Auch Nuancen können wichtig sein, wenn sich die Arbeit darin von anderen unterscheidet.)
Stellt Fragen, die der Beitrag beantworten will, oder stellt Thesen auf, die er stützen soll.
Grenzt das Interesse ab, sagt, was behandelt wird und was nicht. Konkretisiert die Fragestellung und spitzt sie auf einzelne Aspekte zu. Es ist oft sinnvoll, explizit zu sagen, was nicht untersucht wird, wenn bestimmte Aspekte auf der Hand liegen, aber nicht Gegenstand sein werden. (Schließen Sie aber nicht aus, woran sowieso niemand denken würde.)
Schildert den Gang der Darstellung
Am Ende der Einleitung muss der Leser wissen, was ihn erwartet, und auf die weiteren Argumentationsschritte vorbereitet sein! Neue Gegenstände dürfen im weiteren Verlauf der Arbeit nicht mehr eingeführt werden.
Vermeiden Sie es, durch umfangreiche Passagen ohne Bezug zum später behandelten Thema falsche Fährten zu legen. Stellen Sie klar, was Hintergrund- und Zusatzinformation und was der eigentliche Gegenstand ist. Es ist legitim, Hintergrundmaterial, das die Studie verortet, und Nebenaspekte, an die der Leser denken würde, anzuführen aber sie dürfen den eigentlich
behandelten Gegenstand nicht quantitativ und argumentativ überwuchern.
In empirischen Beiträgen sind im allgemeinen lange Abhandlungen theoriegeschichtlicher Traditionen oder gesellschaftlicher Diskurse fehl am Platz. Meist reichen kurze Hinweise auf die zentralen Positionen und Verweise auf weiterführende Literatur.


2. Forschungstand und Hypothesenformulierung


Was ist zum Thema bekannt?

Was trägt die bisherige Forschung zur Beantwortung Ihrer
Fragen bei?

Resultate referieren, Details nur, wenn Sie für die Ergebnisse bedeutsam sind.
Thematisch gruppieren, nicht an Studien entlang vorarbeiten. In der Regel sollten hier keine detaillierten Ergebnistabellen früherer Untersuchungen abgedruckt werden. Statt dessen Befunde in eigene Begriffe fassen und Relevanz für die eigene Frage erkennbar machen. 


Schreiben Sie nicht, was an den referierten Beiträgen alles unwichtig ist! Kritisieren Sie ggf. Theorie und Methodik früherer Forschungen.
Welche Begriffe werden von welchen Forschern benutzt? Wie unterscheiden sie sich?
Wie zweckmäßig sind sie für die eigene Arbeit?
Werden Kausalaussagen gemacht oder nur deskriptive Befunde publiziert? Suchen Sie nach inhaltlichen Erklärungen empirischer Befunde!
Welche Lücken weist die Forschung auf?
Welche Widersprüche sind zu erkennen?
Achten Sie auf die Passung zwischen dem dargestellten Forschungsstand und Ihrer eigenen Untersuchung. Referieren Sie nicht einfach alles, was die XY-Psychologie bisher hervorgebracht hat. Die Darstellung muss zweckgebunden bleiben und Ihren Analysen den Weg ebnen. Prüfen Sie bei der Darstellung aller begrifflichen Festlegungen und Differenzierungen, Zusammenhangsaussagen und Befunde, ob sie für Ihr Thema relevant
sind.
Welche eigenen Vermutungen (Hypothesen) haben Sie als Autor?
Wie lassen sie sich durch den bisherigen Erkenntnisstand begründen? Stellen Sie Bezüge zu zitierten Forschungsergebnissen her!
Ein häufiger Fehler ist die Begründung von Hypothesen durch empirische Beobachtungen oder Verweise auf frühere Studien, die vergleichbare Ergebnisse erzielt haben. Begründungen müssen Erklärungen beinhalten, d. h. vermittelnde Mechanismen. Sagen Sie also nicht, dass ein Zusammenhang schon oft beobachtet wurde, sondern warum es zu dem Zusammenhang
kommen soll.
Welche Begriffsfestlegungen oder -verschiebungen nehmen Sie vor?
Was machen Sie wie andere Forscher, was anders?
Stellen Sie nur Hypothesen auf, die Sie testen können.

3. Daten und Methoden

Auswahl der Untersuchungsform

Warum ist sie besten geeignet, die Forschungsfrage zu beantworten?
Gab es Alternativen?
Wäre eine Sekundäranalyse vorhandener Datensätze möglich gewesen? Welche anderen Auswahlkriterien waren zu beachten (forschungsökonomische etc.)?
Erhebungsverfahren: Wie wurden Daten gewonnen?
Grundgesamtheit: Über welche sozialen Einheiten sollen Aussagen gemacht werden?
Stichprobe: Welche sozialen Einheiten wurden beobachtet? Umfang, Auswahlkriterien, Erhebungszeitraum, regionale Bezüge, besondere Merkmale. Vergleich mit der Grundgesamtheit oder ähnlichen Stichproben, Struktur (soziodemographische Grundauszählung) und strukturelle Besonderheiten (abweichende Randverteilungen).

Erhebungsinstrument: Vorläufer, Diskussion deren Eignung für den gegebenen Zweck,
Entwicklung (Pretests), Skizzierung der Endfassung (Umfang, Zusammensetzung; keine Details der Teile, die in der folgenden Analyse nicht benutzt werden) 
Benennen Sie explizit die Herkunft von Items und Skalen, die aus anderen Studien übernommen wurden.
Details des Pretestverlaufs sind in der Regel nicht wichtig. Es reicht eine ergebnisorientierte Darstellung mit der Zahl der Pretests und deren Umfang. Für den Leser ist aber relevant, ob sich bestimmte Konstrukte prinzipiell schwer operationalisieren lassen, ob Skalen, die in Forschungsberichten vorgefunden wurden, in Ihrer Studie nicht funktionierten, ob Zweifel hinsichtlich der Validität bestanden, was im Feld schief ging, ob Items aus Skalenbatterien gestrichen werden mussten, etc. Für derartige Probleme muss man sich nicht schämen, sie
gehören zum Alltag der Sozialforschung. Seriöse Berichte unterschlagen sie nicht, damit fachkundige Leser aus ihnen etwas lernen können.

Operationalisierung der theoretischen Konzepte

Geben Sie exakte Wortlaute wider. Achten Sie auf Vollständigkeit der Darstellung.
Beschreiben Sie aber keine Items, die Sie nicht auch in der Analyse benutzen.
Bezüge zu Item-Nummern sind nur sinnvoll, wenn das Gesamtinstrument verfügbar ist, z. B. als Anhang.
Diskutieren Sie ggf. die Validität der eigenen Operationalisierung (besonders wichtig bei Sekundäranalysen).
Geben Sie bei Itembatterien ggf. auch die einleitende Fragen an.
Beschreibung generierter Variablen und Indizes. Beschränken Sie sich auf die Logik der Variablengenerierung (Summenindexbildung, Oder-Verknüpfung von Bedingungen, Dichotomisierung etc.) oder den verwendeten Algorithmus. Details der Programmierung in bestimmten Softwareprodukten sind selten sinnvoll, können aber in einem Anhang untergebracht werden. Beachten Sie, daß "Variablengenerierung" kein eigener Abschnitt, sondern ein Zusatz zur Operationalisierung in dem Fall ist, in dem Variablen nicht direkt so benutzt werden, wie sie erhoben wurden.
Sagen Sie außerdem, wie Sie die unterstellten Zusammenhänge statistisch prüfen wollen und unter welchen Umständen Sie Ihre Hypothesen bestätigt sehen. Das kann in einem Satz geschehen. Beispiel: "Ich werde dazu die Korrelation von x und y prüfen und die Hypothese annehmen, wenn eine statistische signifikante Korrelation besteht."
Ggf. ungewöhnliche Analyseverfahren, spezielle statistische Techniken erklären.

4. Ergebnisse

Deskriptive univariate Darstellung

Hypothesentest:
Bivariate Betrachtung
Multiple Analyse


Ob eine univariate Darstellung sinnvoll ist, läßt sich nicht generell sagen. Es kommt u. a. darauf an, ob die Kategorien an sich einen Informationsgehalt besitzen. Bei natürlichen Skalen oder Kategorien ist dies eher gegeben als bei konstruierten Skalen mit beliebigen Werten, unter denen sich der Leser kaum etwas vorstellen kann. Es kann dagegen wichtig sein, ob Schiefverteilungen hinzuweisen, weil das Auswirkungen auf die Skalenqualität haben kann. Daneben kann man auf überraschende Verteilung eingehen, wobei man sagen muss, warum sie überraschend sind. Entscheidend ist letztlich, welchen Stellenwert in Frage stehende Verteilungen für die Gesamtaussage der Arbeit haben. 
Wenn Sie auf inhaltlich bedeutsame Befunde hinweisen möchten, lohnt sich die tabellarische oder graphische Darstellung, allerdings müssen Sie dies dann auch verbal verdeutlichen.
Geschickt ist oft die Verknüpfung einer univariat deskriptiven mit einer
Zusammenhangsaussage, etwa indem Sie den Mittelwert zweier Subgruppen (z. B. Migranten und Nichtmigranten, Männer und Frauen etc.) tabellieren und in die Tabelle den Gesamtmittelwert aufnehmen.
Versuchen Sie, gleichartige Details in Tabellen zusammenzufassen, weil Sie dadurch Platz sparen. Es muss aber im Text einen Bezug auf die Tabellen geben. 
Eine Lösung für eine Vielzahl kleiner Ergebnisse, die vielleicht für interessierte Leser, nicht aber für das breite Publikum von Bedeutung sind, ist ein Tabellenanhang.
Was für univariate Ergebnisse in Tabellenform gilt, gilt erst recht für Abbildungen (Balken-, Kuchendiagramme). Wenn sie gehäuft auftreten und keine Auffälligkeiten aufweisen, wirken sie leicht redundant und langweilen den Leser.
Da in der Regel Hypothesentests den Kern Ihrer Argumentation ausmachen werden, besteht kaum eine übersichtliche Alternative zur Tabellierung der entscheidenden Ergebnisse, insbesondere wenn Sie multivariate Analysen einsetzen. Nur in einer Tabelle kann man Vergleiche von Einflussstärken (standardisiert und unstandardisiert) vornehmen und gleichzeitig Signifikanzen ablesen. 
Vergessen Sie nicht, in Tabellen die Fallzahl anzugeben.

5. Zusammenfassung und Diskussion

Zusammenfassung der Befunde (die keine neuen Erkenntnisse enthält!)
Interpretation der Ergebnisse vor dem Hintergrund der Fragen, die in der Einleitung aufgeworfen wurden. Wurde eine eindeutige Antwort gefunden? Vergleich mit früheren Studien zum Thema. Diskussion konträrer Befunde. Grenzen der Vergleichbarkeit.
Erörtert die Bedeutung der Ergebnisse für den wissenschaftlichen Diskurs
Erörtert die Bedeutung der Ergebnisse für Politik und Praxis
Zeigt, welche Fragen offen bleiben
Zeigt, welche neuen Fragen sich ergeben haben, die weiterer Forschung bedürfen
Geht auf Schwierigkeiten ein, die im Forschungsprozeß auftraten

Literaturverzeichnis
vollständig, einheitlich!

Wird in der Gliederung nicht als Kapitel gezählt.

ggf. Anhang
Er enthält Textpassagen und Detailergebnisse in Abbildungs- und Tabellenform, die für die Argumentation entbehrlich sind, bei weitergehendem Interesse aber zur Kenntnis genommen werden sollen.  

Allgemein: 
Die Kapitel sind bei umfangreichen Arbeiten weiter zu untergliedern. Da die Systematik je nach Umfang und theoretischem und empirischem Zuschnitt variiert, wurden dazu hier keine Vorgaben gemacht.

 

Uni Bielefeld - Kurt Salentin